• Zwischen Sitzen und Liegen

Zwischen Sitzen und Liegen

05.03.2021 ANDREA ESCHBACH, Journalistin

Möbeltrends – Die Kölner Möbelmesse, die normalerweise im Januar stattfindet, wurde wegen Corona abgesagt. Dennoch gibt es bei den Herstellern zahlreiche Neuheiten zu vermelden – die schönsten Sitzmöbel haben wir für Sie zusammengestellt.

Mehr denn je sind besondere Möbel gefragt. Das Leben unter «Social Distancing» verlangt nach mehr als nur Sitz- oder Liegemöglichkeiten. Wohnen in diesen Zeiten ist ein Spagat zwischen Rückzug und Schutz einerseits und der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zusammensein andererseits. Im Trend liegen derzeit besonders individuell konfigurierbare Sitzlandschaften, coole Daybeds und gemütliche Lesesessel. 

Die Natur stand Pate bei einigen Entwürfen: So sollen die organischen, weich fliessenden Linien des Sofas «Bongo Bay» von Kati Meyer-Brühl an gerundete Felsen erinnern. Alle Ecken und Kanten erscheinen wie von darüber hinweg strömendem Wasser geschliffen. Selbst die Unterkanten der Seitenteile sind in die fliessende Kontur einbezogen. Zu der Produktfamilie des Herstellers Brühl gehören Sessel, Zwei- und Freisitzer sowie dazu passende Hocker und Tische.

 

«Bongo Bay» von Kati Meyer-Brühl, auch in weiteren Farben erhältlich.

 

Auch der französische Designer Philippe Malouin liess sich von der Natur inspirieren, nämlich vom Sankt-Lorenz-Strom seiner Heimatstadt Montreal. Die schwungvollen Serpentinen des Flusslaufs beflügelten ihn zu dem skulpturalen Sessel «DS-707» für die Schweizer Manufaktur de Sede. Philippe Malouin experimentierte dafür mit «folding foam» – das Ergebnis ist ein Sessel mit einer traditionellen und doch zeitgemässen Ästhetik. Das Sitzmöbel ist auch als modulares, unendlich lang kombinierbares Sofa erhältlich.

 

«DS-707» für die Schweizer Manufaktur de Sede. Designt von Philippe Malouin.

Spiel mit der Unendlichkeit

Modulare, flexible Möbel sind derzeit gefragt. Gerade auf dem Markt und schon preisgekrönt ist der Entwurf «Giro Soft» des Zürcher Designers Alfredo Häberli. Das modulare Sitzmöbel wurde vom Designmagazin Dezeen mit dem «Best of Year Award» ausgezeichnet. Das organische, komfortable Sofa, erhältlich beim spanischen Designbrand Andreu World, basiert auf einer Reihe von Modulen mit 90- und 45-Grad-Kurven und ermöglicht vielfältige Verwendungsmöglichkeiten.

 

«Giro Soft» vom Zürcher Designer Alfredo Häberli für den spanischen Designbrand Andreu World.

Auch Luca Nichettos Entwurf «Andes» – eine Neuinterpretation klassisch eleganter Salonmöbel – zeigt sich offen für das spielerische Kombinieren verschiedener Elementgrössen und Sitztiefen. Mit seiner Kollektion für die Wiener Wittmann Möbel Werkstätten beweist der Designer ein grosses Gespür für Formen und Linien, Proportionen, und handwerkliche Details. Luca Nichetto zitiert darin die Opulenz des Klassizismus ebenso wie die Eleganz der Wiener Moderne und hält die richtige Balance zwischen Leichtigkeit und Behaglichkeit.

 

Luca Nichettos Entwurf «Andes» für die Wiener Wittmann Möbel Werkstätten.

Die 1970er-Jahre waren die Hochzeit der modularen Liegewiesen. Nun präsentiert der italienische Trendsetter B&B Italia eine Neuauflage, die gemütlicher als das Original ist: Mario Bellinis Sofa «Camaleonda» von 1970, nun mit noch komfortablerer Capitonné-Polsterung.

 

Neuauflage von Mario Bellinis «Camaleonda» für B&B Italia,

  

u. a. in Orange und Violett, den Trendfarben der Siebzigerjahre.

 

Auch 50 Jahre nach seiner Entstehung steht das Sofa für grösstmögliche Freiheit und Verwandlung. Da es aus Elementen zusammengesetzt ist, die man umstandslos miteinander kombinieren kann, sind seine Grösse und sein Aussehen variabel. Es lässt sich zu einem grossen L formen, zu einer Insel, zu jeder denkbaren orthogonal organisierten geometrischen Figur. Bellini hatte dafür ein eigenes System aus Kabeln, Haken und Ringen geschaffen. Durch das Ein- und Aushängen von Sitzen, Rückenlehnen und Armlehnen lassen sich die Sitzmodule immer wieder neu gestalten. Auf diesem Sofa sitzt man nicht, man macht es sich maximal bequem, allein oder mit Freundinnen und Freunden. Zum Jubiläum hat B&B Italia das ikonische Möbel in einer neuen Farbpalette aufgelegt, unter anderem in Orange und Violett, den Trendfarben der Seventies.

Möbel mit Rundungen

Alles an «Camaleonda» wirkt auf seine Art rund, prall, üppig. Runde Möbel wie dieses kündigten sich bereits vergangenes Jahr an – diese Saison hält die extravagante Form so richtig Einzug in unsere Wohnzimmer. Das Wiener Design-Trio Eoos hat für den deutschen Hersteller Walter Knoll den üppig-runden Sessel «Bao» entworfen. Das kleine, kompakte Sitzmöbel auf Massivholzfüssen beansprucht wenig Raum und ist prädestiniert für den Einsatz in kleineren Räumen. 

 

Sessel «Bao» vom Wiener Design-Trio Eoos für den deutschen Hersteller Knoll.

In Zeiten von Homeoffice sind auch Daybeds zurück. Die veredelte Version einer einfachen Liege animiert zu kreativen Pausen. Ein besonders schönes Exemplar hat das deutsche Unternehmen Schramm im Programm. Die beiden Rückenkissen sorgen im Daybed «Remy» für individuellen Sitzkomfort. Und mit nur einem Griff wird das Möbel durch Abnehmen der weichen gesteppten Auflage schnell zum Bett für den Powernap umfunktioniert. 

 

Für den Powernap im Homeoffice: Daybed «Remy» aus dem Hause Schramm.

Gemütliche Lesesessel stehen ebenfalls hoch im Kurs. Ein Blickfang im Wohnzimmer ist der jüngste Entwurf des deutschen Designers Sebastian Herkner: Der Sessel «594» für den deutschen Hersteller Rolf Benz ist mit einer besonders hohen, komfortablen Lehne ausgestattet, die den Sitzenden schützend umschliesst.

 

Lesesessel «594», entworfen von Sebastian Herkner für Rolf Benz.

Die weichen Radien der Formgebung sind ein kleiner Vorgeschmack auf die besonders softe Polsterung. Für eine «Mix & Match»-Optik kann die Rückenschale farblich vom Bezug abgesetzt werden. Beim Gestell hat man die Wahl zwischen einer aufwendig gefrästen Variante in Massivholz oder einem filigranen Stahlgestell. Ein perfekter Sehnsuchtsort für alle, die zu viel um die Ohren haben.